Winterlager 2008 auf dem Obermeierhof
08.02.2008
Am Nachmittag kam ein großer Bus am Obermeierhof an ... endlich mal wieder was los in den alten Gemäuern. Beim Aussteigen zählte ich zwar doch nur 26 kleine und große Pfadfinder, aber es scheint eine recht aufgeweckte Truppe zu sein. Auf jeden Fall müssen sie aus einem fernen Land kommen, denn sie sprechen ganz anders als die Leute hier bei uns. Komische Namen haben sie auch noch. Die Pfadfinderin, die unser Chef Christoph heute durchs Haus geführt hat, heißt zum Beispiel „Frosch“.
Abends haben es sich die Pfadfinder dann im Aufenthaltsraum unter dem urigen Gebälk gemütlich gemacht. Bei ein paar lustigen Spielen verrieten dann auch die anderen ihre putzigen Namen und sie gehören den Stämmen Goldener Reiter und Ancalagon an. Ach ja, einer vom Stamm LEO war auch dabei. Ihr Heimatland wird übrigens „Sachsen“ genannt und während des Lagers wollen die neuen Gäste im Leben unseres alten Freundes Ötzi rumschnüffeln. Das kann ja heiter werden. Von dem Märchen zur Abendrunde habe ich wegen der seltsamen Sprache nicht viel verstanden, aber es muss wohl ziemlich lustig gewesen sein. Am spannendsten fand ich aber die Geschichte, die den Wölflingen vorm Schlafen vorgelesen wurde. Sie handelte von einem Verwandten aus der Steinzeit, genauer gesagt einem Dämon. Im Vergleich zu einem gemütlich bayerischen Hofgeist wie mir war das aber wohl kein besonders netter Zeitgenosse. Wobei ... um Mitternacht ein wenig durch die Dielen zu knarren wär scho a Mordsgaudi.
09.02.2008
Auch wenn noch nicht alle wirklich munter aussahen, war es nun an der Zeit, dass unsere Zuagroasdn sich ein wenig umschauten und vor allem mich kennen lernten. Während eines kleinen Postenlaufs auf den Spuren von unserem kleinen Juttalein galt es knifflige Fragen zu beantworten, noch verzwicktere Wegbeschreibungen zu entschlüsseln und natürlich den Ort samt Obermeierhof zu erkunden. Am Ende haben aber alle Gruppen meinen Stammplatz an der Säule im Speisesaal, dem früheren Pferdestall des Obermeierhofes gefunden.
Die Wölflinge sind ja ein paar ganz aufgeweckte. Beim Betten machen waren sie so eifrig bei der Sache, dass die Kissen beim Aufschütteln sogar manchmal bis in die benachbarten Zimmer flogen. Nach der Mittagspause wurde kunstvoller Steinzeitschmuck aus einer eigenartigen bunten Masse angefertigt, die im Ofen auf wundersame Weise hart wie Stein wurde. Ich hätte ja nicht gedacht, wie kreativ unsere sächsischen Freunde sind.
Nach dem Abendessen wollten die Gäste unbedingt unserer ländlichen Duftnote, die stets am Fenster vorbeizieht, auf den Grund gehen und statteten dem Kuhstall der benachbarten Bauernfamilie einen Besuch ab. Als ob die keine eigenen Rinder zu Hause hätten, aber die kleinen Kälber sind ja schon süß. Anschließend wurde wieder gemeinsam gesungen – sie haben sich sogar ein eigenes Lagerliederbuch mitgebracht – und tolle Spiele standen auf dem Programm.
10.02.2008
Bei der Morgenrunde ging es heute hoch hinaus, zumindest für Frosch, denn sie hatte Geburtstag und durfte den Obermeierhof aus der Vogelperspektive genießen. Anschließend verschwanden alle in der Werkstatt und formten Gefäße aus Ton. Ob denen unser Geschirr nicht gefällt? So wie manche beim Essen damit umgehen, kann man ja schon den Eindruck gewinnen. Einer der Jungs bekommt übrigens immer eine Birne zum Nachtisch. Da hatten ja selbst die Steinzeitmenschen mehr Abwechslung auf dem Speiseplan.
Am Nachmittag ging es wieder raus. Die Wölflinge brachen mit Maxl, dem vierbeinigen Begleiter von Christoph, zu einer kleinen Wanderung entlang des Flusses Inn auf. Derweil suchten die Pfadfinder erfolgreich nach versteckten Schätzen, Geocaching nennen sie das wohl. Ein kleiner Geko soll ihnen dabei geholfen haben. Ich wusste gar nicht, was diese putzigen Tierchen so alles drauf haben. Toll sind ja auch immer die Tischsprüche und -lieder, die durch das Gewölbe des Speisesaals schallen. So hieß es zum Abendessen sehr treffend: „Der Mond scheint hell, die Füße dampfen, das ist die rechte Zeit zum Mampfen.“
Anschließend traf man sich wieder im Aufenthaltsraum. Allerdings hielt es keinen auf dem Sitzkissen, sondern sie spielten eine seltsame Form von Hüppekästchen mit drei großen Feldern, die auf dem Fußboden markiert waren. Der Spaß trug den Namen „1, 2 oder 3“ und man musste die richtige Antwort zu verschiedenen Fragen aus der Steinzeit erhüpfen.
11.02.2008
Heute Vormittag und in der Mittagspause waren unsere Steinzeitforscher wieder fleißig am Werkeln. Sie fertigten sich bequeme Schuhe aus Filz an. Solch farbenfrohe Treter hätte der Ötzi bestimmt auch gern gehabt. Jedenfalls schien das Nähen genauso anstrengend zu sein wie vor Tausenden von Jahren mit den Knochennadeln.
So etwas habe selbst ich alter Zausel noch nicht erlebt: Olympische Winterspiele in Grafengars. Nachmittags traten die tapferen Sportler in verschiedenen Wettkämpfen gegeneinander an und stellten die Fitness ihrer Arme, Beine und ihres Gehirns unter Beweis. Anschließend gab es schon wieder etwas zu feiern, eine Duschparty.
Nach dem Abendessen ging es erneut nach draußen, diesmal auf die Suche nach bunten Lichtern und melodischen Klängen, die es in einer vorgegebenen Reihenfolge zu finden galt. Mit einem neumodischen Feuerstein wurde dann ein wärmendes Feuer entzündet, um das sich alle versammelten und einer Geschichte aus dem Dschungelbuch lauschten. Der Höhepunkt des Abends war die Aufnahme einiger neuer Mitglieder des Stammes Goldener Reiter in die Pfadfinderbewegung. So ein schickes Halstuch würde mir bestimmt auch gut stehen. Nach diesen bewegenden Momenten ging es noch einmal heiß her. Mitten aus der „roten Blume“ stieg plötzlich eine riesige Lavafontäne, beinahe so hoch wie unser Maibaum, in den sternenklaren Nachthimmel. Den Schamanen der Truppe – sie nennen ihn Franz – muss ich im Auge behalten. Es hat hier ja erst vor wenigen Jahren gebrannt, sodass der Obermeierhof vollständig renoviert werden musste.
12.02.2008
Doch kein Essgeschirr, sondern kleine Lampen wurden heute Vormittag in der Holzkohte aus den Tongefäßen vom Sonntag gezaubert. Nach Tierfett – wie in der Steinzeit – sah das zum Glück aber nicht aus, was sie da über dem Feuer erhitzten und hinein füllten. Parallel dazu wurde das Langzeitprojekt Filzschuh fortgesetzt und die Pantoffeln mit Muscheln, Holzperlen und ähnlichem verziert. Nun haben wenigstens alle Wölflinge Hausschuhe. Was sie jedoch nicht davon abhält, sich ein paar kleine hölzerne Andenken aus dem Dielenboden einzustecken.
Nachmittags ging es wieder einmal raus in die Umgebung, genauer gesagt die Wälder am Ortsrand. Der Seppl, unser Waldschrat, hat mir erzählt, dass sich die Pfadfinder dort bunte Striche ins Gesicht gemalt und dann im Unterholz verkrochen hätten. Echt ein komisches Volk, diese Sachsen. Sinn der ganzen Aktion war es wohl, den eigenen Hauptmann aus den Fängen der gegnerischen Gruppe zu befreien. Zumindest schienen sie recht geschickt darin zu sein und das, obwohl sie es nebenbei noch mit den heimtückischen Brombeerranken aufnehmen mussten.
Doch das Geländespiel im Wald reichte ihnen offenbar noch nicht. Denn am Abend ging die große Rennerei im Obermeierhof weiter. In Kleingruppen aufgeteilt ging es auf große Mammutjagd. Auf einem steinzeitlichen Spielplan wurden verschiedenste abenteuerliche Aufgaben erwürfelt, im Haus gesucht und anschließend meist erfolgreich gelöst. Das Mammutbaby aus Zeitungspapier kommt auf jeden Fall in meine Andenkensammlung.
13.02.2008
Die waren heute Morgen aber schon zeitig auf den Beinen. Auf große Reise nach München sollte es gehen. In die Küche war aber noch kein Leben eingezogen. Ausgerechnet heute hatten unsere beiden Zivis verpennt, sodass sie Frosch erstmal aus den Federn holen musste. Mit flinken Schritten haben sie den Bahnhof aber noch rechtzeitig erreicht und den Zug dann freundlich winkend zum Anhalten aufgefordert.
Da ich nicht den ganzen Tag im menschenleeren Obermeierhof herumgeistern wollte, habe ich mich einfach mal heimlich angehängt. Man kommt ja nicht so oft in die große Stadt. Wie es bei auswärtigen Gruppen üblich ist, erfolgte am Eingang der Bavaria Filmstadt ein freundlicher Empfang durch unseren bayerischen LB Internationales und obendrein gab es einen BdP-Rabatt auf den Eintritt. Bei der spannenden Führung über das Studiogelände trafen wir zahlreiche berühmte Filmhelden wieder. Der Steinbeißer aus der Unendlichen Geschichte und der Hinkelsteinlieferant Obelix zum Beispiel hätten sich bestimmt auch in der Steinzeit wohl gefühlt. Ebenso beeindruckend waren die Kulissen und Requisiten bekannter Filme und TV-Serien sowieso die Einblicke in den Alltag der Filmschaffenden. Höhepunkt ist jedoch der Dreh unseres eigenen kleinen Films im (T)Raumschiff Surprise gewesen. Weltraumspaß in Mopsgeschwindigkeit gewissermaßen. Das Hüpftraining beim „1, 2 oder 3“ am Sonntagabend hat sich für die drei Hauptdarsteller bei der Beam-Szene auf jeden Fall ausgezahlt.
Auf dem Rückweg wurde ein Abstecher in die Münchner Innenstadt für den Kauf von kleinen Souvenirs genutzt und im Zug machten ein paar Postkarten an die Daheimgebliebenen die Runde. Zurück im Obermeierhof machten es sich die Pfadfinder wieder im Aufenthaltsraum gemütlich und ließen den erlebnisreichen Tag mit ein paar Liedern und Spielen ausklingen.
14.02.2008
Ich weiß nicht, ob es damit zu tun hatte, dass heute Valentinstag war, aber die Wölflinge und Pfadfinder wollten sich heute Vormittag keinen Zentimeter zu weit von ihren Freunden entfernen. Vermutlich lag es jedoch eher an den zusammengebundenen Beinen, dass die Gruppen wie kleine Raupen über den Platz wanderten und versuchten, gemeinsam unterschiedliche Aufgaben zu lösen. Dafür erhielten sie jeweils eine Zutat für das große Finale des Kooperationsspiels. Es ging schließlich darum, die physikalischen Eigenschaften eines Hygieneartikels zu nutzen, um eine Flasche Wasser möglichst schnell und ohne Zuhilfenahme der Hände entlang eines Parcours zu transportieren. Ein sehenswertes Spektakel, muss ich schon sagen.
Am Nachmittag begannen die Vorbereitungen für den großen Abschlussabend. Aus der Küche stiegen verlockende Düfte von Gebäck und einem offenbar ebenfalls sehr leckeren Getränk namens Tschai empor. In den Zimmern wurden derweil verschiedenste Kunststücke und Aufführungen einstudiert und bereits die Rucksäcke für die morgige Abreise gepackt. Im Waschraum versuchten sich die Pfadfinder in verschiedenen Spritztechniken der Höhlenmalerei, jedoch werden die Kunstwerke zum Glück keine Jahrtausende auf den Fliesen überstehen.
Nach dem Abendessen konnte es endlich losgehen. Kleine Teigmännlein, die verblüffende Ähnlichkeit mit meinem Vetter aus dem Schwarzwald hatten, sowie Gemüsedips und Tschai wurden serviert. Es gab witzige Sketche, halsbrecherische Akrobatik und Breakdanceeinlagen, beeindruckende Diabolokunststücke sowie verblüffende Zaubertricks zu sehen. Zur letzten Abendrunde des Lagers wurde wieder ein sächsisches Märchen vorgelesen und ich habe diesmal tatsächlich ein bisschen mehr verstanden. Es soll ja im Internet sogar Wörterbücher für diese Sprache geben. Da muss ich mich wohl mal kundig machen, wenn ich wieder in Christophs Büro vorbeischaue.
15.02.2008
Heute Morgen war es so glatt auf dem Hof, dass Christoph mehrfach streuen musste. Hoffentlich kommen unsere Pfadfinder heil in Sachsen an. Ich habe sie während der Woche auf dem Obermeierhof ja schon ein bissl lieb gewonnen. Einige der Wölflinge wollten mir sogar Jacken, Mützen und ähnliches als Andenken für meine Sammlung da lassen, aber die UHUs – diese Spielverderber – haben es dann noch gemerkt und die Sachen mit in den Bus genommen. Ist vielleicht besser so. Um ehrlich zu sein, war ja auch die Hobbydetektei „St. Erasmus“ mit den älteren Pfadfindern Frosch, Pfennig, Franz, Georg und Skadi eigentlich eine sehr nette Runde und sie haben sich ganz schön ins Zeug gelegt, um während des Lagers für die ganze Gruppe eine abwechslungsreiche Reise in die Steinzeit auf die Beine zu stellen.
Gerüchteweise sollen die Sachsen auf dem Heimweg sogar Geleitschutz von einer Hundertschaft der Polizei erhalten haben. Aber das ist immer so eine Sache mit dem Geisterfunk… Es wäre wirklich toll, wenn sie uns irgendwann wieder im Obermeierhof besuchen würden. Nun bin ich aber erst einmal gespannt, was für eine Truppe als nächstes hier ankommen wird.
Danke an Pfennig für den Text.